Einleitungstext aus Katalog zur Einzelausstellung MinuteView

in der Galerie Rotes Haus

10115 Berlin-Mitte

Tieckstrasse 28

03.09 –24.90.2004

 

MinuteView

Zeit gilt als substantielles Element unserer Orientierung in der Welt (1). Aber wie ist Zeit darstellbar, wo ist sie fassbar, gibt es ein Bild von der Zeit? Ein entscheidendes Indiz für die Tatsache, dass Zeit vergeht, ist die Veränderung.

Andrea J. Grote nutzt die Darstellung von Veränderungsprozessen in ihrer fotografischen Arbeit, um sich der "Zeit" zu nähern. Dabei zeigen ihre Motive Veränderung durch Bewegung.

In der jüngsten Reihe MinuteView entstanden alle Fotos in Hafensituationen, wo Feststehendes an der Grenze zum Wasser mit Bewegtem zusammentrifft. Grotes Mittel ist die schwarz/weiß Mehrfachbelichtung. - Je Negativ erfolgen 5 Belichtungen pro Minute vom selben Standpunkt aus, mit der selben Einstellung, so dass in der Überlagerung die Bewegung sichtbar wird.

Foto: Grote©


Ihr Ziel ist das Festhalten einer zeitlichen Dimension. Dieses Ziel verfolgt sie konsequent seit vielen Jahren in mehreren Werkzyklen (2). Die sichtbare Entwicklung bezieht sich dabei auf die zunehmende Rücknahme des subjektiven Künstlerstandpunktes sowie auf die weitgehende Abstraktion des Motivs. Bestimmten zunächst signifikante und unter Umständen mit der Biografie der Künstlerin verbundene Orte (3) den Bildgegenstand, wird in der neuesten Werkreihe vollständig auf die Identifikation des Ortes verzichtet. Die Entscheidung für Ausschnittvergrößerungen aus den 6 x 6 cm Negativen macht in einigen Fotografien die Identifikation des Gegenstandes unmöglich.

Im Zentrum der Bilder steht damit die Bewegung, die Veränderung und gleichzeitig das Flüchtige, welches besonders hervorgehoben wird durch die Gegenüberstellung mit statischen Elementen. Die Künstlerin selbst sieht sich als Werkzeug und unterwirft sich dem strengen Reglement des Aufnahmeprocederes (4). Es ist daher kein Zufall, dass die Bewegung von außen kommt. Das Meer verursacht in allen Bildern das Bewegungsmoment: unbeeinflussbar, immerwährend, einem gleichbleibenden Rhythmus folgend. Der Ausschnitt bezieht sich damit nicht mehr nur auf das Bildformat, sondern auch auf einen mehr oder weniger willkürlichen Zeitausschnitt. Ausschnitt in doppelter Hinsicht bezogen auf die fotografische und auf die inhaltliche Dimension. Die Intensität der Bilder rührt von der Kraft zweier nicht abgebildeter, aber dennoch anwesender Bildgegenstände: Meer und Zeit. Sie sind die eigentlich zentralen Themen, die die Fotos umkreisen.

Besonders deutlich zeigt sich dies in den Motiven, in denen scharfe, unveränderliche Strukturen neben verwischten, in Bewegung befindlichen Elementen stehen. Der Kamerastandpunkt muss fest gewesen sein, dennoch bewegt sich z. B. ein Steg (5) scheint schwebend, hauchdünn, transparent - wie ein Traumsegment - ins Bild geschoben. Die nicht kontrollierbare Kraft des Meeres wird ebenso spürbar, wie der Sog in eine andere Dimension. Die Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen, die im Bild festgehalten wird, das Dazwischenliegende, das abwesend Anwesende und damit die ZEIT werden spürbar.

Die Gegenüberstellung des Gesetzten mit dem Unkontrollierbaren, die Ausschnitthaftigkeit und der in einigen Fotos vorhandene All-Over-Charakter (6) heben das Verständnis eines rein linearen Zeitbegriffes auf. Es spielt keine Rolle, wann ein Zustand abgelichtet wurde, dass Veränderung stattfindet beweist den Ablauf von Zeit, egal in welcher Richtung. Und das Bewusstsein, dass diese Bewegung und Veränderung immerwährend ist, ohne Anfang und ohne Ende, verweist auf die unendliche Dimension von Zeit. Grote vermeidet jede Art der Interpretation ihrer Bildgegenstände. Das strenge Aufnahmereglement, die möglichst geringe Einflussnahme als Künstlersubjekt und der Abstraktionsgrad der Motive erlauben uns die unmittelbare Begegnung mit dem Phänomen Zeit.

Anmerkungen:

(1) Th. Heinrichs: Zeit der Uneigentlichkeit, 1990, S. 40-50 (2) siehe Kataloge zur Ausstellung time_pieces; Stadtmuseum Deggendorf; 2000 und Katalog zur Ausstellung time _ pieces II; galerie periherie, Tübingen; 2000. (3) zum Beispiel Werkreihen: „O.T. (Potsdamer Platz )“; Fotomehrfachbelichtung. Siehe Katalog time_pieces I; Umschlag und S. 2. „O.T. (Potsdamer Platz/Uhr) I“ und „O.T. (Potsdamer Platz/Uhr) II“; beides Fotomehrfachbelichtung; 23.7.1999; 17.55 -17.59 bzw. 18.00-18.05 Uhr. Siehe Katalog time_pieces II; S.7-8. „O.T. (Paris/Orte) IIV“. Siehe Katalog time_pieces I, Seite 18-19. (4) Grote wählt einen festen Kamerastandpunkt und hält sich an das selbst gewählte Reglement, innerhalb eines bestimmten Zeitraumes - in diesem Fall einer Minute - eine vorher festgelegte Anzahl von Belichtungen - in diesem Fall fünf - auf einem Negativ (6 x 6 cm) vorzunehmen. Einstellung und Aufnahmestandort bleiben jeweils gleich. Ist der Standort des Stativs fest (vgl. Bild S.2), wird nur die Bewegung des Bildgegenstands innerhalb einer Minute stroboskopartig durch das Festhalten von fünf einzelnen Momenten abgebildet. Ist der Standpunkt des Stativs ebenfalls bewegt - z.B. auf Deck eines Schiffes oder auf einer Mole-, bildet das Foto sowohl die Bewegung des Motivs als auch die des Stativs ab (S.6; Umschlag hinten). Im letzteren Fall kann keine unbewegte und damit scharfgezeichnete Stelle im Bild ausgemacht werden. Der traumhafte Charakter, das Flüchtige ist dadurch stärker ausgeprägt. (5) siehe Bild Seite 2 „O.T. (Lerici) I; 5.7.2004; 16.15 Uhr“; Fotomehrfachbelichtung; s/w; ca. 100 x 48 cm. (6) siehe Bild Seite 13: „O.T. (Rerik) III2; 22.5.2004; 10.30 Uhr“; Fotomehrfachbelichtung; s/w; ca. 50x 60,5 cm.Text: Susanne Schmidt-Kubeneck

 Einleitungstext aus Katalog zur Einzelausstellung time-pieces II  

in der galerie peripherie, Tübingen

28.10 - 19.11. 2000(c)

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  Einleitungstext aus Katalog zur Einzelausstellung time-pieces I  

Kunstverein Deggendorf, Stadtmuseum Deggendorf

Ausstellung 1998(c)


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Andrea Grote 
weitere Infos unter: 
www.andreagrote.de 
info@andreagrote.de